Die Geschichte der Stadtkapelle Rottweil



Die historischen Wurzeln der Stadtkapelle lassen sich bis in die Musikkultur des 15. Jahrhunderts zurück verfolgen. Schon aus dem Jahre 1429 ist ein Dienstvertrag überliefert, in dem die damalige Reichsstadt den Musiker Hans Engelfri als fest besoldeten Stadtpfeifer anstellte. Außerdem waren die Stadtmusikanten der Reichsstadt Rottweil unter den Ersten, die das Privileg erhielten, Trompete zu blasen und die "Herrenpauke" zu schlagen. Rottweil nimmt damit musikgeschichtlich einen bedeutenden Rang unter vergleichbaren Reichsstädten im oberdeutschen Kulturraum ein.


Bei der Festlegung auf ein Gründungsjahr beruft sich die Stadtkapelle auf den Rottweiler Heimatforscher Anton Kampitsch. Das Jahr 1850 sieht Kampitsch "als das eigentliche Gründungsjahr der hiesigen Kapelle oder wenigstens das Jahr ihrer Neugeburt" an. Zu dieser Zeit kam Präzeptor Joseph Fischer als Musikdirektor in die Stadt. Aus seiner Zeit sind Programme und Erfolge überliefert, als die Kapelle in der Wintersaison 1851/1852 vier Abonnements-Konzerte und ein "Armenkonzert" veranstaltete. Im Saal der einstigen Gaststätte "Zum roten Ochsen" in der Unteren Hauptstraße kamen Stücke zur Aufführung wie die Ouvertüre zu Rossinis "Italienerin in Algier" oder Mozarts "Hochzeit des Figaro" oder auch eine Eigenkomposition Fischers "Polonaise und Walzer für großes Orchester, componirt und den Rottweiler Damen gewidmet".


Das Gründungsjahr könnte nach Auffassung von Stadtarchivar Dr. Winfried Hecht aber auch schon gut 40 Jahre früher angenommen werden: Um 1810 erreichte die Kapelle nämlich eine Klangkörperstruktur, die der so genannten "Türkischen Musik" entsprach. Diese Art der Besetzung mit Holz- und Blechbläsern sowie Schlaginstrumenten ist auch für die heutige Blasmusik charakteristisch.



Karl Michael Heim


Die weitere Entwicklung der Kapelle wurde vor allem durch ihre jeweiligen Leiter geprägt, wobei zwei Namen besonders hervorzuheben sind: Karl Michael Heim und Heinrich von Besele. Unter Karl Michael Heim fand die Kapelle zu ihrer heutigen Organisationsform, der einer städtischen Einrichtung. Er steigerte die künstlerische Qualität ab 1854 kontinuierlich, so dass der Gemeinderat im Jahre 1877 den Beschluss fasste, "eine städtische Musikkapelle zu errichten". Für ein Jahresgehalt von 100 Mark waren die Musiker u.a. verpflichtet, wöchentlich zwei Proben zu besuchen. Von der organisatorischen Absicherung durch die Stadt profitierte in

unmittelbarem Anschluss daran auch Heinrich von Besele. Er komponierte den Rottweiler Narrenmarsch und schuf damit einen Glanzpunkt in der Geschichte der Stadtkapelle. Vermutlich beim großen Fastnachtskonzert 1882 wurde dieser Marsch, zu dem später Otto Wolf den Text schrieb, von der Stadtkapelle äußerst erfolgreich vor einer breiten öffentlichkeit uraufgeführt. Der Komponist und Dirigent ließ sich von der begeisterten Menge auf den Schultern durch die Duttenhofersche Reithalle tragen.


H. v. Besele


Die Stadtkapelle Rottweil im Jahre 1926

Doch auch in der jüngeren Geschichte setzte die Stadtkapelle Schwerpunkte. Unter der Leitung von Lorenz Fischer profitierte die Stadtkapelle ab 1925 von dessen reicher Orchestererfahrung aus halb Europa. Die Kapelle erreichte unter ihm ein bemerkenswert hohes künstlerisches Niveau, das vor allem im Jahr 1929 Anerkennung fand in verschiedenen 1a-Preisen in der Kunststufe. Lorenz Fischers Nachfolger, der Musikalien- und Instrumentenhändler Josef Steinwandel, hatte die schwierige Aufgabe, die "musikalische Notversorgung"

während des Zweiten Weltkrieges aufrecht zu erhalten. Der gebürtige Rottweiler gründete im Jahr 1931 die Jugendkapelle, deren heutige Aufgabe keineswegs mehr in der Aufrechterhaltung einer Notversorgung liegt. Als Alfons Kade 1951 die Leitung der Stadtkapelle übernahm, führte er die Jugendarbeit in der Jugendkapelle fort. Darüber hinaus gründete er die Städtische Musikschule neu, die er nicht nur erweiterte, sondern auch neu organisierte und strukturierte. Wie schon rund 100 Jahre zuvor Karl Michael Heim leitete Alfons Kade neben der Stadtkapelle den Chor von Hl. Kreuz und zeitweise auch den Männergesangverein.



Peter Heyn


Eine musikalische Ausrichtung auf konzertante sinfonische Blasmusik erfuhr die Stadtkapelle unter Horst Seidel, der die Leitung 1975 von Kade übernahm. Der gebürtige Augsburger war vor seinem Wechsel nach Rottweil zuletzt beim Staatstheater Pforzheim als Oboist tätig.

Nach Seidels Weggang 1981 leitete Alfons Hettich die Stadtkapelle übergangsweise, bis Kapellmeister Peter Heyn 1985, vom Rundfunkblasorchester Leipzig kommend, diese übernahm.

Peter Heyn legte 1958 in Weimar sein Staatsexamen in den Fächern Klavier und Posaune ab. Seiner fleißigen Feder verdankt die Stadtkapelle unzählige eigene Arrangements -einen guten Teil ihrer "persönlichen Note"-. Neue Wege wie Kombinationen von Blasmusik mit Chören, Sprechern, Ballett und namhaften Solisten, -auch Solisten aus eigenen Reihen- prägten zahlreiche Jahreskonzerte. Heyn ist es auch zu verdanken, dass der Rottweiler Narrenmarsch von Friedrich Seyfried seit 1991 in neuer Fassung wieder gespielt wird. Seit 1996 sind die bis in die 60er-Jahre beliebten Fasnetskonzerte wieder fester Bestandteil im Jahresprogramm der Stadtkapelle.

Trotz des hohen musikalischen Anspruchs und der immer wieder herausragenden Ereignisse, zu denen die Konzerte mit angesehenen Solisten gehörten, hatte die Stadtkapelle seit Ende der 70er-Jahre anhaltende Nachwuchsprobleme. Diese wurden erst durch die Gründung der Bläserschule 1989 etwas entschärft.

Die Lösung der Besetzungsprobleme wurde Hubert Holzner, dem Nachfolger Peter Heyns nach dessen Pensionierung 1999 zum Hauptanliegen.
Erste positive Ergebnisse lassen sich bereits vermelden: Die Mitgliederzahl der Jugendkapelle ist inzwischen auf 46 Mitglieder angewachsen, und das musikalische Leistungsvermögen steigt stetig. Dies ist auch auf die gute Zusammenarbeit mit der Musikschule zurückzuführen.
Im Gegenzug wird der Bläserspielkreis der Musikschule von Bläserschülern der Stadtkapelle verstärkt. Der Umstand, dass sich unter den Neuzugängen der Stadtkapelle nicht nur die Bläserschüler sondern auch die Musikschüler sehr gut integrieren, lässt hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

 

Quelle: Dr. Winfried Hecht, 2002, Festschrift zum 150jährigen Jubiläum der Stadtkapelle Rottweil
Abbildungen: Stadtarchiv Rottweil / Dr. Winfried Hecht / Stadtkapelle Rottweil / Privat